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Hans-Josef Heck

"Begriff"   und   "Begriffsbildung" 
Zwei Bezeichner ohne Funktion

 

1   Das Problem

 
Der grundlegendste Bezeichner allgemeiner Art in Wissenschaft und Philosophie ist der Bezeichner "Begriff". Und damit erhält die Frage, was unter "Begriffsbildung" zu verstehen sein soll,   
 
die zentrale Bedeutung im Wissen über das Wissenschaffen.
 
Das Verwenden dieser Bezeichner ist heute so selbstverständlich wie das Lesen und das Schreiben. Und trotzdem:  Niemand weiß wirklich, wie man "Begriffe bildet" und welche Funktion "Begriffsbildung" hat.
 
Sie können dies leicht überprüfen. Wenn "Begriffsbildung" die grundlegenste und zentralste Funktion unseres Wissenschaffens ist, müsste es Ihnen eigentlich leicht fallen, jemanden zu erklären, wie man einen "Begriff" bildet. Wenn Sie jetzt wirklich einmal darüber nachdenken, dann werden Sie versuchen, diesen Gedanken ganz schnell wieder zu verdrängen, weil Sie sonst vielleicht das Gefühl nie wieder los werden könnten, dass der Boden, auf dem Sie Ihr Wissen aufgebaut haben, sich als Fließsand erweist.
 
Dass keiner weiß, wie man einen "Begriff" bildet, liegt daran, dass keiner weiß, welche Funktion 'Begriff' haben soll. Denn dazu müsste man ja wissen, wie man einen Begriff bildet, eben den Begriff 'Begriff'.
 
Wenn mit 'Begriffsbildung' gemeint sein soll, zu vereinbaren, WORÜBER wir reden wollen, dann müssen wir auch vereinbaren, WOZU wir darüber reden wollen. Denn sonst ist es nicht möglich zu entscheiden, ob das, worüber wir gerade reden, noch zu dem gehört, worüber wir reden wollen.
 
 

2   "Begriff"

 
Bevor man klären kann, was mit 'Begriffsbildung' gemeint sein soll, müsste man zunächst einmal wissen, was unter 'Begriff' zu verstehen ist:
 
In der Radio Akademie des Südwestfunks 2.1) ist von "gleichlautenden Begriffen des Alltags" die Rede. Gemeint sind offensichtlich 'Bezeichner', die mehrfach verwendet werden.
 
Oder - ebendort: "Die eine wissenschaftliche Bedeutung der Begriffe hat mit ihrer Alltagsverwendung überhaupt nichts zu tun." Hier ist das Wissen selbst gemeint.
 
Wenn mit 'Begriff' sowohl der Bezeichner als auch das Wissen gemeint sein kann, dann gibt es ein Problem:  Man muss aus dem Kontext erraten, was jeweils gemeint ist. Die Frage ist, ob 'Begriff' überhaupt eine Funktion haben soll:
 
1.  Der Bezeichner 'Begriff' erscheint in Verbindung mit dem Bezeichner des Betrachtungsbereichs, zum Beispiel:  "Der Begriff der Kraft bestimmt sich über die Beschleunigung eines Körpers." (a.a.O.)  Diese Formulierung verstellt den Zugang zum Verständnis, wie Wissensdokumentation / Bezeichnungsgebung erfolgt. Es sollte heißen: "Wir vereinbaren: Die Beschleunigung eines Körpers bezeichnen wir als 'Kraft'." Die Verwendung des Bezeichners 'Begriff' ist hier nicht nur funktionslos, sondern sogar kontraproduktiv. Statt vom "Begriff der Kraft" zu sprechen, sollten wir einfach von dem sprechen, was gemeint ist, "der Kraft".
 
2.  Von "gleichlautenden Begriffen des Alltags" zu sprechen ist nicht funktional. Gemeint sind "gleiche Bezeichner". 'Begriff' ist hier eher irreführend.
 
3.  Eine dritte Bedeutung des Bezeichners 'Begriff' findet sich ebendort: "Dabei bildeten die Schüler fast wie von selbst physikalisch angemessene Vorstellungen wichtiger Begriffe der Elektrizitätslehre." Gemeint ist:  "... wichtiger Grundgegebenheiten der Elektrizitätslehre." Auch hier verstellt die Verwendung des Bezeichner 'Begriff' das wissenschaftstheoretisch angemessene Verständnis.
 
4.  "Es ist kein Zufall, dass sich 20 Jahre nach Slow Food eine anderer Begriff nach vorne schiebt:  'Terra Madre'." Gemeint ist hier eine andere Idee, ein anderes Anliegen, eine andere Funktion.
 
Fazit "Begriff":    Den Bezeichner 'Begriff' auch nur für eine der hier aufgezeigten Bedeutungen zu verwenden, ist nicht nur überflüssig, sondern darüberhinaus für ein wissenschaftstheoretisch angemessenes Verstehen kontraproduktiv. Auf diesen Bezeichner sollte man verzichten. Er ist verbraucht.
 
 

3   "Begriffsbildung"

 
Auch wenn 'Begriff' nicht mehr als Bezeichner verwendet werden sollte, so helfen die oben aufgezeigten vier verschiedenen Bedeutungen dieses Bezeichners doch zu verstehen, was mit 'Begriffsbildung' intendiert ist:  Zum einen geht es um 'Bezeichner' und 'Bezeichnungsgebung', zum anderen um 'Grundgegebenheiten' und um 'Grundanliegen', also Wissen und Funktionen des Wissens. Der funktionale Zusammenhang dieser Gegebenheiten ist das, was mit "Begriffsbildung" bezeichnet wird. Zwei "Blickrichtungen" sind denkbar.
 
Entweder:
 
 
Oder:
 
 
Wirft man einen Blick in ein philosophisches Lexikon 3.1), um herauszufinden, was dort unter 'Begriffsbildung' verstanden wird, dann findet man, dass es um "die Formulierung und Definition der für jede Einzelwissenschaft besonders gearteten Begriffe" geht. "Die Definition der Begriffe erfolgt durch Begriffsbestimmung, also durch Realdefinition oder durch Nominaldefinition." "Die Realdefinition legt die Bedeutung nicht fest, sondern analysiert und präzisiert sie." "Die Nominaldefinition erklärt den Namen und bezeichnet die Sache." "Nominaldefinitionen können nicht wahr oder falsch sein." "Wenn ein Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch bereits eine Bedeutung hat, dann soll die Realdefinition darüber informieren, welche das ist." "Statt von Realdefinitionen spricht man heute häufig von Begriffsanalysen oder Begriffsexplikationen und klammert diese aus der Definitionstheorie (Teil der Logik) aus."
 
Deutlich wird hier, dass im Bereich der Mathematik und Logik, Wissen grundsätzlich gesetzt, sprich generiert und dann mit einem Bezeichner versehen wird. Funktional ist es daher, von 'Wissenschaffen' statt von "Begriffsbildung" zu sprechen. Man könnte diese Methode auch als 'Wissensdefinition' bezeichnen, was aber im Hinblick auf die bisherige Verwendung des Bezeichner 'Definition' davon ablenken könnte, wie Wissen in diesem Wissenschaftsbereich geschaffen wird.
 
"Realdefinitionen" beziehen sich auf Gegebenheiten der Wirklichkeit, auf das Reale. "Weil die Bezeichner im alltäglichen Sprachgebrauch bereits eine Bedeutung haben, soll diese Bedeutung durch Begriffsanalysen / Begriffsexplikationen gehoben werden." Im Prinzip handelt es sich hier also um "Was-ist-...?"-Fragen. Fragen diesen Typs sind eine "Wissenschaftsfalle" 3.2):  Sie erlauben beliebige Antworten und damit immerwährende, weil unentscheidbare Auseinandersetzungen.
 
Ganz gleich, ob das Wissen, das in diesem Wissenschaftsbereich geschaffen werden soll, nur gehoben oder noch gewonnen werden muss, ohne eine Funktion zu setzen, ist dies nicht möglich. Das heißt, dass in diesem Wissenschaftsbereich das Wissenschaffen von der Funktion - und nicht vom Bezeichner - ausgehen muss. Ein solches Vorgehen als "Realdefinition" zu bezeichnen, ist mehr als irreführend. Auch die Bezeichner "Begriffsbildung" oder "Begriffsbestimmung" erwecken den Eindruck, das der Wissensbezeichner den Ausgangspunkt des Wissenschaffens bilden würde, was ebenfalls irreführend ist. Der funktional treffende Bezeichner, also der Bezeichner der Sinn macht, ist 'Wissenschaffen'.
 
Die funktionsorientierte Theorie des Wissenschaffens und Handelns 3.3) konnte darüberhinaus zeigen, dass im Hinblick auf die Methoden des Wissensgewinnung (und auch im Hinblick auf die Methoden der Wissensüberprüfung) nicht nur diese beiden, sondern noch zwei weitere, insgesamt also vier Kategorien des Wissenschaffens zu unterscheiden sind und zwar nach den Funktionen, die unser Handeln hat, und die auch in jedem Entscheidungsprozess benötigt werden. 3.4)
 
Fazit "Begriffsbildung":   Der Bezeichner 'Begriffsbildung' ist nicht nur nicht angemessen, sondern irreführend. Er behindert das Verständnis der Methoden, die in den unterschiedlichen Kategorien des Denkens angemessen, sprich funktional sind. 'Wissenschaffen' ist ein treffender Bezeichner. Ergänzende Ausführungen zu dieser Thematik finden Sie in 3.5)  im Abschnitt  9.3.3  'Wissenschaffen' statt "Begriffsbildung".
 
 

4   Anhang:  Anmerkungen

 
2.1)
 
SÜDWESTRUNDFUNK - SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
 
Gescheit, gescheiter, gescheitert  -  Wie lernt der Mensch?
 
RADIO AKADEMIE:  Wer weiß was? (3)
 
Autor:  Uwe Springfeld
 
Redaktion: Detlef Clas
 
Regie:  Günter Maurer
 
Sendung:  11. August, 2004, 8.30 Uhr, SWR2 Wissen
 
Erstsendung:  17.5.2003 SWR2 Radio Akademie
 
Archiv-Nr.: 051-5867
 
3.1)
 
zitiert nach 'Wörterbuch der philosophischen Begriffe', Meiner Verlag, Hamburg 2005, Stichworte "Begriff", "Begriffsbildung", "Realdefinition", "Nominaldefinition" und "Definition"
 
3.2)
 
Hans-Josef Heck
 
Wissenschaffen und Handeln
 
Eine Grundlegung der Wissenschafts- und Wirtschaftstheorie
 
Gardez!, Remscheid 2008, Seite 56f
 
3.3)
 
Hans-Josef Heck
 
Wissenschaffen und Handeln
 
Eine Grundlegung der Wissenschafts- und Wirtschaftstheorie
 
Gardez!, Remscheid 2008, 128 Seiten, ISBN 978-3-89796-205-7
 
www.wissenschaffen-und-handeln.de
 
3.4)
 
Hans-Josef Heck
 
Wissenschaffen und Handeln
 
Eine Grundlegung der Wissenschafts- und Wirtschaftstheorie
 
Gardez!, Remscheid 2008, Seite 92ff
 
3.5)
 
Hans-Josef Heck
 
Wissenschaffen und Handeln
 
Eine Grundlegung der Wissenschafts- und Wirtschaftstheorie
 
Gardez!, Remscheid 2008, Seite 58ff