_ Wissenschaftstheorie - Aber anwendbar -
 
 
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Hans-Josef Heck

Wissenschaftstheorie  -  Aber anwendbar  -

 

1  Die Funktionen einer Wissenschaftstheorie

 
Diese Überschrift ist ungewöhnlich?
 
Wenn nicht von  der  Wissenschaftstheorie gesprochen wird,
 
sondern von  einer  Wissenschaftstheorie, dann deshalb, weil
 
es die eine und nur die eine Wissenschaftstheorie nicht geben
 
kann. Warum das so ist, kann erst an späterer Stelle geklärt werden.
 
 

1.1  Anspruch an Wissen:  Wahrheit, Objektivität, Neutralität ?

 
Der Anspruch, das Wissen wahr, objektiv und neutral sein muss, erscheint uns nicht nur plausibel, sondern so selbstverständlich, dass sich ein Nachdenken darüber nicht nur erübrigt, sondern auch als Angriff auf die Redlichkeit wissenschaftlichen Arbeitens aufgefasst wird.
 
Mit dieser -so gegen jedes Nachdenken immunisierten- Forderung hat man eine ursprüngliche Unmöglichkeit geschaffen und damit die Wissenschaftstheorie daran gehindert, zu anwendbaren Ergebnissen zu kommen.
 
Die Wunsch, über Wissenschaftstheorie Nachdenken zu wollen,  und  die Unmöglichkeit, unter dieser Prämisse zu anwendbaren Ergebnissen zu kommen, haben dazu geführt, den Anspruch auf die Anwendbarkeit einer Wissenschaftstheorie aufzugeben. 1.1.1)
 
"Aber dies ist der einzige Weg, den die Theorie gehen kann: ..." Auch dies ist eine sich selbst blockierende Aussage. Der in den Anmerkungen zitierte Text selber enthält - aufmerksam gelesen - die entscheidende Gegebenheit, die aus dieser Unmöglichkeit herausführt und den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht nur versöhnt, sondern aufhebt:
 
 
Wir benötigen ein Kriterium, um das Geschaffene prüfen und dann als Wissen bezeichnen zu können. Diese Kriterien können wir nur aus dem Bezugspunkt gewinnen. Der Anspruch auf Wahrheit, Objektivität und Neutralität als Bezugspunkt des zu schaffenden Wissens liefert aber kein Kriterium. Oder beliebig viele:  Jeder kann definieren, was er darunter versteht. 1.1.2) 
 
Wenn wir als Bezugspunkt nicht die unerfüllbare Forderung nach Wahrheit, Objektivität und Neutralität erheben, sondern die Forderung, dass Wissen eine Funktion 1.1.3)  haben soll, dann ist der Weg frei zu einer umfassenden Theorie,
 
 

1.2  Denken und Wissen

 
Wer über Wissenschaffen nachgedacht hat 1.2.1) und die Ergebnisse seines Nachdenkens darstellen will, weiß nicht, wo er mit seiner Darstellung beginnen soll.
 
Das gleiche gilt für den, der Wissen schaffen möchte, und deshalb wissen möchte, was dabei zu berücksichtigen ist.
 
Es gibt eine umfangreiche wissenschaftstheoretische Literatur, die aber für die grundlegenden wissenschaftstheoretischen Probleme bis heute kein anwendbares Wissen präsentiert hat. Der Grund dafür konnte in Abschnitt 1.1 aufgezeigt werden:  Wir müssen eine Funktion setzen, die das zu schaffende Wissen erfüllen soll.
 
Welche Ergebnisse das Nachdenken über Wissenschaffen hervorbringt, hängt also vor allem davon ab, welche Funktion das Nachdenken haben soll und welchen Betrachtungsbereich man wählt:  Beides muss man setzen.
 
Wie sich später noch zeigen wird, ist es zweckmäßig, sprich 'funktional', den Betrachtungsbereich 'Wissenschaffen' und damit das, was als 'Wissen' bezeichnet werden soll, weiter zu fassen, als es in der Wissenschaftstheorie bisher der Fall ist. Dies ist eine Setzung, über deren Zweckmäßigkeit (Funktionsmäßigkeit) man erst später diskutieren kann, wenn die Funktion gesetzt worden ist, die das Wissen haben soll, das über das Wissenschaffen geschaffen werden soll.
 
 
 

1.3  Funktionen des Wissenschaffens über Wissenschaffen

 
Wenn man unter den Stichworten 'Wissenschaftstheorie' und 'Erkenntnistheorie' die Literatur durchforstet, findet man, dass das Wissenschaffen über das Wissenschaffen unterschiedliche Betrachtungsbereiche besitzt. Das bedeutet:  Es gibt nicht nur ein Warum wir Wissen über das Wissenschaffen schaffen wollen, sondern mehrere:
  1. Wissenschaffen sind biologische Prozesse im Gehirn. Denkprozesse. Wir wollen wissen, wie diese Prozesse funktionieren, um sie besser steuern und gegebenenfalls heilen zu können.
  2.  
  3. Wissenschaffen sind Forschungsprozesse in unserer Gesellschaft. Wir wollen wissen, welche Prozesse initialisiert und gefördert werden sollen und wer Einfluss auf die Verteilung der gesellschaftliche Resourcen nimmt, um Forschung und Entwicklung besser steuern zu können.
  4.  
  5. Wissenschaffen sind Wissensverarbeitungsprozesse. Entscheidungsprozesse. Wir wollen wissen, wie wir unsere Entscheidungen steuern müssen, um die von uns gesetzten Funktionen unseres Handelns verwirklichen zu können.
  6.  
  7. Wissenschaffen sind Wissensgewinnungsprozesse. Forschungsprozesse. Wir wollen wissen, welches Wissen für unsere Entscheidungsprozesse erforderlich ist und wie man dieses Wissen schaffen muss und überprüfen kann, damit dieses Wissen in den Entscheidungsprozessen verwendet werden kann.
 
 

1.4  Wissenschaftstheorie - Ihre Funktion setzen

 
Die vier Funktionen und ihre Betrachtungsbereiche sind unterschiedliche Forschungsbereiche:
 
 
Was hier als 'Wissenschaftstheorie' bezeichnet wird, beschäftigt sich ausschließlich mit (4), dem Prozess der Wissensgewinnung im weitesten Sinne. Was 'im weitesten Sinne' bedeuten soll, kann hier nur angedeutet werden. Es gehören dazu nicht nur die Möglichkeiten der Wissensgewinnung in engeren Sinne, sondern auch die der Wissensüberprüfung, der Wissensdarstellung und der Wissensverarbeitung.
 
Ferner soll Wissen - wie im Abschnitt 1.1. schon dargestellt - nicht nur als Wissen über die Wirklichkeit verstanden werden, sondern alles beinhalten, was unser Denken produziert.
 
 
Wie wir den Betrachtungsbereich wählen müssen, ergibt sich aus der Funktion, die das Wissen haben soll, das wir schaffen wollen:  Das Wissen soll dem Handeln dienen.
 
Da wir für unser Handeln auch Funktionen setzen müssen, führt das Setzen dieser Funktionen zu einer Detaillierung und Präzisierung der Funktionen der Wissenschaftstheorie.
 
 

2   Funktionsorientierte Theorien
 
     des Wissenschaffens und Handelns

 

2.1  Die  Funktion der  Funktionsorientierten
 
       Theorie des Wissenschaffens und Handelns

 
Wissenschaffen ist nur möglich, wenn eine Funktion gesetzt wird. Dies gilt auch für eine zu schaffende Wissenschaftstheorie:
 
 
Die Wissenschaftstheorie, die diese Funktion zugrunde gelegt, wird hier als Funktionsorientierte Theorie des Wissenschaffens und Handelns bezeichnet. 2.1.1) 
 
 

2.2  Die doppelte Funktion einer
 
       funktionsorientierten Wissenschaftstheorie

 
Jede Wissenschaftstheorie muss als funktionsmäßig erste aller Theorien nicht nur das Wissen schaffen, mit dem es möglich wird, das Wissen zu schaffen, mit dem die gesetzten Funktionen verwirklicht werden können, sondern auch das Wissen, mit dem man die dafür erforderliche Wissenschaftstheorie schaffen kann.
 
In der "wahrheitsorientierten" Wissenschaftstheorie war dieses Problem nicht lösbar, weil man die "Wahrheit" nicht begründen kann, denn dann wäre ja die Begründung die "Wahrheit". Dieses als Problem der Zirkularität bezeichnete Problem kann in einer funktionsorientierten Wissenschaftstheorie nicht auftauchen:
 
 
Damit wird das Problem auch lösbar:  Die Wissenschaftstheorie, die wir schaffen müssen, muss sich selbst "beinhalten". Das Nachdenken über Wissenschaffen ist ein Wissenschaffen, das das Ergebnis dieses Wissenschaffens voraussetzt. Eine andere Art des Wissenschaffens über das Wissenschaffen ist nicht denkbar.
 
Lösbar ist dieses Problem deshalb, weil eine funktionsorientierte Wissenschaftstheorie eine Wirklichkeitswissenschaft ist und daher auch auf sich selbst anwendbar ist.
 

 
 

Anhang:  Anmerkungen

 
1.1.1)
 
Ein Zitat soll dies belegen:
 
    Johann August Schülein und Simon Reitze
     
    Wissenschaftstheorie für Einsteiger
     
    Facultas, Wien 2005, Seite 220ff
 

"9  Wozu also Wissenschaftstheorie?

 
Es ist also nicht zu erwarten, dass die Diskussionen in absehbarer Zeit zu einem Abschluss kommen werden. ...
 

Theorie und Praxis

 
Im Laufe der Zeit wurden dabei eine Fülle an produktiven Perspektiven erarbeitet, die allerdings nicht unbedingt unmittelbar "anwendbar" sind. ... Theoretische Erkenntnis wird dementsprechend in einer praxisfernen Form ausgedrückt und ist unmittelbar auf sich selbst zentriert, auf die innere Logik von Theorien. ... Je differenzierter eine Auseinandersetzung wird, desto mehr entfernt sie sich von ihrem Ausgangs- und Bezugspunkten und desto stärker orientiert sie sich nach innen. In dieser Innenwelt gelten andere Kriterien, andere Maßstäbe als in der Welt der Praxis. ... Aber dies ist der einzige Weg, den Theorie gehen kann:  Sie muss sich von der Praxis entfernen, um sich auf Probleme einlassen zu können, die sich in der Praxis selbst nicht behandeln lassen."
 
1.1.2)
 
 
1.1.3)
 
'Funktion' wird hier in einem umfassenden Sinne verwandt:  'Wirksamkeit im Handeln', 'Sinn', 'WOZU', ...
 
Weiterführend:
 
Hans-Josef Heck   
 
Die Funktion der 'Funktion'
 
1.2.1)
 
Das Nachdenken über wissenschaftliches Denken bezeichnet man in der Fachsprache als 'Reflexion'.
 
2.1.1)
 
Die Grundlagen der Funktionsorientierten Theorie des Wissenschaffens und Handelns finden Sie in: 
 
Hans-Josef Heck
 
Wissenschaffen und Handeln
 
Eine Grundlegung der Wissenschafts- und Wirtschaftstheorie
 
Gardez!, Remscheid 2008, 128 Seiten, ISBN 978-3-89796-205-7
 
www.wissenschaffen-und-handeln.de