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Ulrich Kühne

 

Wissenschaftstheorie

(Philosophy of Science – Wissenschaftsphilosophie)

 
 
 •  Auf philsci-archive.pitt.edu/ bringt die Suche unter "Wissenschaftstheorie":
 
      Kuehne, Ulrich J. (1999) Wissenschaftstheorie / Philosophy of Science.
 
      In: Hans Jörg Sandkühler (ed.):  Enzyklopädie Philosophie
 
      Felix Meiner Verlag, Hamburg 1999. pp.1778-1791 (Vol. 2: O-Z)
 
      (Neue Auflage 2010: 978-3-7873-1999-2)
      (/meiner.de/catalog/product/view/id/4200/s/enzyklopaedie-philosophie/)
 

1   Zum Begriff

 
Die Wissenschaftstheorie (Wth.) ist eine Teildisziplin der theoretischen
Philosophie, die sich mit den Erkenntnisansprüchen und Methoden, den
Voraussetzungen und den Interpretationskonsequenzen der ↑Wissenschaft
auseinandersetzt. Im Unterschied zur traditionellen ↑Erkenntnistheorie
reflektiert die Wth. also nicht die gewöhnliche Erkenntnisleistung des
Menschen, sondern das methodisch gewonnene, in Theorien formulierte
wissenschaftliche Wissen. Man unterscheidet zwischen allgemeiner Wth., die
alle Wissenschaftsdisziplinen übergreifende Probleme und Fragen behandelt,
und spezieller Wth., die sich mit den Problemen beschäftigt, die sich aus
besonderen Methoden einzelner Wissenschaftsdisziplinen oder problematischen
Konsequenzen einzelner Theorien ergeben. Forschungsschwerpunkte in der
speziellen Wth. sind traditionell die Wth. der Quantenmechanik,
Relativitätstheorie und Evolutionstheorie. Verstärktes Interesse finden seit
einiger Zeit auch die Theorien komplexer Systeme, insbesondere in
Neurowissenschaften und Ökonomie, und die methodischen und theoretischen
Besonderheiten von Disziplinen wie Archäologie, Psychiatrie oder Chemie. Mit
solchen Spezialuntersuchungen sollen außerdem die Behauptungen der allgemeinen
Wth. auf Allgemeinheit überprüft werden.  Nach dem Selbstverständnis einiger
Sozialwissenschaftler hat sich die allgemeine Wth. zu sehr an den
↑Naturwissenschaften orientiert und damit die Anwendbarkeit auf
Sozialwissenschaften eingebüßt. Durch eigene Diskussionsforen und Themen ist
es zur Abtrennung einer Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaft (s.u. 4)
gekommen, die größere Gemeinsamkeiten mit der Wth. der Geisteswissenschaften
aufweist. Die Wth. der ↑Geisteswissenschaften wird meist unter anderen Titeln
verhandelt (↑Hermeneutik). Viele Sozialwissenschaftler betonen hiergegen
jedoch die vorhandenen Übereinstimmungen mit der Wth. und untersuchen den
wechselseitigen Einfluß der Methoden verschiedener wissenschaftlicher
Disziplinen.
  
 
 

2   Disziplingeschichte,  Grundpositionen  und
 
      Selbstverständnis der Wissenschaftstheorie

 
Mit ‹Wth.› soll hier die Disziplin behandelt werden, die im Englischen den
Namen ‹philosophy of science› trägt. Nur selten findet sich auch dort der Name
‹theory of science›. Der weit überwiegende Teil der Forschungsergebnisse und
Diskussionen in der Wth. wird heute in englischer Sprache veröffentlicht.
Dies hat dazu geführt, daß auch im dt. Sprachraum ↑‹Wissenschaftsphilosophie›
mittlerweile zu einem neutralen Namen für die philosophische Beschäftigung mit
Wissenschaft wurde, der sich von seiner Beschränkung auf
kontinentaleuropäische Philosophietraditionen emanzipiert hat und heute
weitgehend synonym mit ‹Wth.› gebraucht wird.

Mit dem neuen Namen ‹Wth.› war im dt. Sprachraum eine Abgrenzung gegen die
Wissenschaftsphilosophie des 19. Jh. beabsichtigt. Die
Wissenschaftsphilosophien dieser Zeit (↑Naturphilosophie, Wissenschaftslehre,
Wissenschaftskunde, Epistemologie) schienen nicht geeignet, der rasanten
Entwicklung der ↑Naturwissenschaft gerecht zu werden: Entweder wurden die
neueren Theorien der Naturwissenschaft als irrelevant für das philosophische
Naturverständnis ignoriert, oder es wurde versucht, mit vermeintlich
vorrangigen philosophischen Theorien der naturwissenschaftlichen
Interpretation der Phänomene Vorschriften zu geben, die sich in den
empirischen Wissenschaften nicht durchsetzen konnten. Beispielsweise hatte
eine dogmatische Interpretation der Positionen aus Kants Metaphysischen
Anfangsgründen der Naturwissenschaft (1786) dazu geführt, daß die etablierte
Philosophie überwiegend mit Unverständnis auf die Entwicklung
nichteuklidischer Geometrien (Lobatschewski, Bolyai, Gauß, Riemann), die
Entdeckung des Elektromagnetismus (Ørsted, Faraday, Maxwell), der sich nicht
auf Radialkräfte reduzieren läßt und kein mechanisches Modell erlaubt, oder
die Erfolge der atomistischen Chemie (Dalton, Mendelejeff)
reagierte. Exemplarisch für diese Feindschaft gegen die etablierte
Wissenschaftsphilosophie (insbesondere Fichtes Wissenschaftslehre) steht
Dührings Logik und Wissenschaftstheorie (1878), die auch den Namen ‹Wth.›
einführt, aber ansonsten (entgegen dem, was der Titel nahelegt) wenig mit der
Wth. im modernen Sinn zu tun hat und auch keinen Einfluß auf die weitere
Entwicklung hatte. Vielmehr waren es zunehmend Naturwissenschaftler selbst,
die dem Defizit der etablierten Wissenschaftsphilosophie mit Entwürfen
einer der modernen Wissenschaft angepaßten philosophischen Reflexion zu
begegnen suchten; John Herschel, von Liebig, von Helmholtz, Hertz, Mach,
Poincaré und Duhem sind hier prominente Beispiele. In ihren Werken bildete
sich die neue Disziplin Wth. heraus, als Versuch, für die philosophischen
Fragen von den Wissenschaften zu lernen und nicht ihnen vorgefertigte
philosophische Theorien vorzuschreiben. Ein eigenständiger philosophischer
Zugang von außen zur wissenschaftlichen Erkenntnis wird verneint; soweit sich
überhaupt sinnvolle Fragen stellen lassen, müssen sie von den
wissenschaftlichen Theorien selbst ausgehend beantwortet werden.

In ihrem heutigen Selbstverständnis hat die Wth. lediglich die ursprüngliche
Bedeutung von Philosophie wiederbelebt und keine neue Philosophierichtung
gegründet. In der allgemeinen Bedeutung von ‹Wth.› als jeder Versuch, auf der
Höhe des wissenschaftlichen Wissens der Zeit Philosophie zu betreiben, hat die
Wth. somit einen prominenten Teil der Philosophiegeschichte in ihre
Disziplingeschichte vereinnahmt: Platons idealistische Modelle von
Wirklichkeit aus dem Timaios und Buch VII der Politeia, Aristoteles›
Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis in den Büchern des Organon,
insbesondere der zweiten Analytik, seine Schriften zur Physik, Metaphysik und
Naturkunde (insbes. De caelo), die epikureische Naturphilosophie in Lukrez’ De
rerum natura, die Bereicherung der aristotelischen Wissenschaftsmethode mit
neuen induktiven und experimentellen Verfahrensarten in der Scholastik bei
Roger Bacon, Grosseteste, Ockham; schließlich Francis Bacons Neubegründung der
Naturwissenschaft als systemisch organisierte, methodisch arbeitende
Erfahrungswissenschaft im Novum organum scientarum (1620) und Galileis
erfolgreiche Demonstration der wissenschaftlichen Argumentation und
Experimentalmethode in Dialogo (1632) und Discorsi (1638).  In diesen und
vielen anderen Schriften wurde ein Grundbestand an Positionen entwickelt, die
mit ihren modernen Fassungen jederzeit in der Wth. diskutiert werden. Nach
dieser allgemeinen Definition von Wth. sind ihre Beiträge pluralistisch und
setzen keine einheitliche, disziplinkonstituierende ↑Weltanschauung voraus. So
finden sich heute mehr als früher in der Wth.  auch Beiträge, die
beispielsweise auf der ↑Transzendentalphilosophie Kants oder ↑Phänomenologie
Husserls aufbauen – Positionen, die lange im Verdacht standen, zu keinem
angemessenen Verständnis von Wissenschaft zu führen.

Die Wth. als ‹philosophy of science› läßt ihre moderne Geschichte
üblicherweise mit John Herschels Preliminary Discourse on Natural Philosophy
(1830), Whewells Philosophy of the Inductive Sciences (1840) und Mills A
System of Logic (1843) beginnen. In diesen Werken wurden zentrale Themen der
Wth. systematisch eingeführt: In welchem Verhältnis steht eine mathematische
Theorie zu den beobachtbaren ↑Tatsachen und zur Wirklichkeit? Wann muß eine
↑Theorie aufgegeben werden und wie findet man eine bessere? Die in der
Wth. wesentliche Unterscheidung zwischen den ↑Methoden der Entdeckung einer
wissenschaftlichen Theorie (auch: ars inveniendi, Heuristik, ↑Induktion,
context of discovery) und den Methoden ihrer Rechtfertigung (auch: ↑Logik,
↑Deduktion, context of justification) wurde bei Herschel entwickelt. Die
Bedeutung der ↑Wissenschaftsgeschichte für das Verständnis von Naturtheorien,
insbesondere die auch heute zentrale Frage der Wth., wie sich die Entstehung
neuer Theorien im wissenschaftlichen Fortschritt mittels rationaler Kriterien
logisch rekonstruieren läßt, geht auf Whewell zurück. Er hat hierbei erkannt,
daß sich Naturtheorien und ihr historischer Wandel nur zum Teil auf empirische
Daten begründen; den anderen Teil findet er in Ideen, die ein
Naturwissenschaftler beim Formulieren einer Naturtheorie als notwendige
Wahrheiten voraussetzt. Dem stellte Mill einen radikalen ↑Empirismus entgegen:
selbst mathematische Sätze sind für ihn keine Notwendigkeiten a priori,
sondern werden – wie ↑Naturgesetze – induktiv aus der Erfahrung
geschlossen. In seinem Werk entwickelt Mill detaillierte formale Regeln des
induktiven Schließens.
  
 

2.1  Der logische Empirismus

 
In einem engeren Sinn ist die Entstehung der Wth. mit der Philosophie des
↑logischen Empirismus oder ↑Neopositivismus insbesondere im Wiener Kreis
verbunden. Durch Philosophen dieser Gruppe (Schlick, Carnap, Feigl, Neurath,
Waismann u.a.), aber auch anderenorts (z.B. Philipp Frank, Reichenbach),
wurden Grundlagen und Themenumfang der neuen Wth. bestimmt.  Wichtige
Veröffentlichungen sind hier: Schlicks Allgemeine Erkenntnislehre (1918),
Carnaps Der Logische Aufbau der Welt (1928) und Logische Syntax der Sprache
(1934), sowie Reichenbachs Beiträge zur Wth. der modernen Physik: zur
Relativitätstheorie in Philosophie der Raum-Zeit Lehre (1928) und
Quantenmechanik in Philosophical Foundations of Quantum Mechanics (1944).
1929 veröffentlicht der Wiener Kreis seine Programmschrift Wissenschaftliche
Weltauffassung; 1930 gründen Carnap und Reichenbach die Zeitschrift
Erkenntnis. Die Philosophie und das Selbstverständnis der Wth. dieser
neuen Philosophierichtung läßt sich in folgenden Grundzügen beschreiben:

(a) Radikaler Modernismus und Metaphysikfeindlichkeit: Allein die
wissenschaftlichen Erkenntnisse sind von Bedeutung und werden unvoreingenommen
akzeptiert. Alle früheren Versuche, mit den Mitteln einer ↑Ersten Philosophie
zu sinnvollen Erkenntnissen zu kommen, wurden für unwiederbringlich
gescheitert angesehen. Aber darüber hinaus sah man auch in vielen weiteren
Themen, mit denen sich die Philosophie bisher beschäftigt hatte, bloße
↑Scheinprobleme, d.h. Chimären nebulöser Sprachgewohnheiten. Man zog sich auf
die Position eines ↑Positivismus zurück: Die Philosophie hat alle Aussagen zu
vermeiden, die über die Feststellung von Tatsachen und logisch begründeter
Sätze hinausgehen, so z.B. über Normen oder Prinzipien. Die allgemeinen
Gesetzesaussagen werden als bloße Kurzschrift für Mengen von Beobachtungen
angesehen, die solange Gültigkeit hat, wie sie sich in der Erfahrung bewährt.

(b) Diese philosophische Abstinenz erklärt sich aus der Wahrnehmung eines
fundamentalen Versagens der Philosophie angesichts der neuen Physik von
Quantenmechanik (Planck, Einstein, Bohr, Heisenberg, Schrödinger) und
Relativitätstheorie (Einstein): Mit diesen Theorien wurde die Newtonische
Physik gestürzt, die über Jh.e als Vorbild für gesichertes Wissen galt und in
der Philosophen Vernunftnotwendigkeiten zu entdecken glaubten. Die Neuerungen
der Physik haben das wissenschaftliche Wissen nicht bloß erweitert, sondern
Begriffen wie ↑‹Kausalität›, ↑‹Raum› und ↑‹Zeit› eine neue Bedeutung gegeben
und frühere Philosophien darüber entwertet.

(c) Allerdings erkannte man in der
 - neuen ↑Logik (Boole, Frege),
 - Mengenlehre (Cantor, Zermelo, Fraenkel) und
 - axiomatischen Mathematik (Hilbert, Peano, Russell und Whitehead)
und der auf diesen Grundlagen entwickelten modernen
 - ↑Sprachphilosophie (Frege, Russell, Wittgenstein, Ramsey, Tarski)
die Werkzeuge,
   um trotz der skeptischen, positivistischen Grundhaltung
   eine neue, sinnvolle Philosophie aufzubauen.

Das Ziel ist die Einheitswissenschaft,
d.h. die alle Wissensgebiete umfassende Fundierung von Wissen.

Hierzu versuchte man mit den neugefundenen formalen Werkzeugen
(die eine grundlegende Abkehr von der
 früher beherrschenden Aristotelischen Logik bedeuten)
die ↑rationale Rekonstruktion von Theorien und Theorienübergängen:

Die Philosophie klärt
  die Bedeutung des wissenschaftlichen Wissens,
  indem sie die ↑Referenz der theoretischen Begriffe
  auf die Erfahrungswelt aufzeigt;
und
  den Fortschritt des Wissens,
  indem sie diejenigen Elemente der Erfahrung individuiert,
  die zur Aufgabe einer Theorie und Entwicklung einer neuen geführt haben.

Dafür ist eine Rekonstruktion der wissenschaftlichen Theorien
in einer idealen, einheitlichen Wissenschaftssprache nötig,
da die vorliegenden Theorien nicht selbst das semantische und syntaktische
Instrumentarium ihrer eigenen Interpretation bereitstellen.

Diese Rekonstruktion ist rational,
weil sie sich auf die Gewißheit der logischen Hilfsmittel stützt und
alle kontingenten historischen Faktoren ignorieren kann,
die bei der Entstehung und Revision von wissenschaftlichen Theorien
eine Rolle gespielt haben mögen.

Für die Ergebnisse zum Ziel der Einheitswissenschaft gab man ab 1938
die Schriftenreihe International Encyclopedia of Unified Science heraus,
die bis 1962 (Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions) fortgeführt wurde.

Es wurden verschiedene Entwürfe formaler Rekonstruktionen
vorgeschlagen und diskutiert.

Als nicht mehr hinterfragte Grundlage höherer Stufen des Wissens
sah man die elementaren Wahrnehmungen des Subjekts an,
die als ‹Elementarerlebnisse› vorliegen und in Form atomarer Aussagen
(↑logischer Atomismus, ↑Protokollsätze, ↑Sinnesdaten) gefaßt wurden.

Aus diesen versuchte Carnap in einem Konstitutionssystem
(↑Konstitution) komplexere Aussagen bis hin zu den
wissenschaftlichen Theorien zu konstruieren, also induktiv zu begründen.

In der Reformulierung eines Naturgesetzes als Ramsey-Satz läßt sich
seine Erklärungs- und Vorhersagekraft bewahren, ohne auf Postulate
oder uninterpretierte theoretische Begriffe zurückgreifen zu müssen:

Die Fragen nach dem ↑Realismus, ob die
   von den wissenschaftlichen Theorien
   in ihrer üblichen Formulierung vorausgesetzten
Entitäten (z.B. Elektronen, Magnetfeld, Kraft, Trägheit)
wirklich existieren, stellt sich nicht mehr,
weil theoretische Entitäten
  in der Formulierung der Gesetze als Ramsey-Sätze
nicht mehr vorkommen;
sie wurden aufgelöst in ihre bloße Funktion
bei der Klassifikation von Erfahrung.

Dieser ↑Instrumentalismus
– das ist die Behauptung, daß Theorien nur soweit sinnvoll
  sind, wie sie nutzen, sich in der Welt zurechtzufinden,
  nicht aber als Abbilder der Wirklichkeit selbst –
hat viele Vorläufer in der Philosophiegeschichte.

Prominentes Beispiel ist Osianders Vorwort zu
Kopernikus’ De revolutionibus (posthum 1543).

Hierin behauptet Osiander,
Kopernikus’ neue Theorie über das Sonnensystem
stünde nicht im Widerspruch zur kirchlichen Lehre
von der Erde als Mittelpunkt des Weltalls,
da sie lediglich eine bequeme Rechenmethode
zur Vorhersage der Himmelserscheinungen sei
und nicht das heliozentrische Weltbild impliziere.

Zunehmend beschäftigten sich die Philosophen des Wiener Kreises
auch mit allgemeineren Fragen zu den Grenzen und Möglichkeiten von
Wissenschaft und ihrer Rolle in der Gesellschaft,
z.B. Philipp Frank und Neurath.

Vom Nationalsozialismus in die Emigration getrieben, fanden
die Philosophen des Wiener Kreises an angloamerikanischen
Universitäten neue Wirkungsstätten,
wo sie maßgeblich an der modernen Ausbildung der
↑analytischen Philosophie beteiligt waren,
die heute in den internationalen Philosophiedebatten insgesamt und
insbesondere in der Wth. eine dominante Rolle spielt.

Diese Vormachtstellung erreichte die analytische Philosophie (die
ihren Widerpart in der ‹continental philosophy› sieht) allerdings auch
durch eine weitgehende Flexibilität ihrer inhaltlichen Positionen.

Die analytische Philosophie definiert sich wesentlich aus der Forderung
nach Klarheit, Transparenz und logischer Strenge der ↑Argumentation und
nicht mehr zwingend durch das inhaltliche Programm des logischen Empirismus.

Wer immer die Fragen „Was meinst Du damit?“ und
„Woher weißt Du das?“ (Hempel)  zuläßt und selbst stellt,
d.h. Begriffsklärung und Begründung von Wissen verlangt,
kann zur analytischen Tradition gezählt werden.

Hierin liegt allerdings ein neues Selbstverständnis von Philosophie,
die nicht mehr zu Wesens- und Sinnfragentranszendenter
oder lebensweltlicher Bedeutung beitragen möchte,
sondern zur klar argumentierenden, verständlichen, undogmatischen
Aufklärung komplizierter Zusammenhänge.

Wichtige Vertreter der Wth. als Teil der analytischen Philosophie
der ersten Nachkriegszeit waren
    Hempel, Hesse, Ernest Nagel, Oppenheim, Salmon.

Ihre Beiträge behandeln Themen wie
- die Rolle von ↑Modellen und Analogien in der Wissenschaft,
- die Bedeutung von Begriffen wie ↑‹Zufall› und ↑‹Wahrscheinlichkeit›,
- die Frage nach der Struktur wissenschaftlicher Erklärungen und
- der Reichweite von Reduktionsbeziehungen zwischen Theorien.
  
 
 

2.2  Schulen und Richtungen

 
Die Wth. des deutschsprachigen Raums der Nachkriegszeit hat sich
in einige Schulen gruppiert.

Der Begriffsbestandteil ‹Theorie› in ‹Wth.› wird so verstanden,
daß das wissenschaftstheoretische Wissen über das wissenschaftliche Wissen
in Organisationsform, Methodengebrauch und Grad der Gewißheit
dem Wissen der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen gleichzustellen sei,
also den Rang einer wissenschaftlichen Theorie hat.

So soll die Einheit der Wissenschaften erreicht werden.

Viele Richtungen verbinden den Gedanken der Einheit der Wissenschaften
mit dem Ziel der ↑Begründung von Wissenschaft bis hin zu einer Letztbegündung.

Hierin liegt dann eine Abkehr von der
positivistischen Grundhaltung des Wiener Kreises.

Die Unterschiede der Schulen liegen in der
jeweiligen Verortung der einheitsstiftenden Theorie:

(a) Dem Programm des Wiener Kreises am nächsten liegt hier der
Strukturalismus (ohne Beziehung zum französischen ↑Strukturalismus).

Er entwickelte sich aus neuen mengentheoretischen Ansätzen (Suppes)
bei der Formalisierung der Mathematik und empirischer Theorien,
wurde maßgeblich von Sneed und Stegmüller geprägt und von
Stegmüllers Schule (z.B. Balzer, Gähde, Moulines) in München weitergeführt.

In der einheitlichen formalen Sprache der Strukturen
erkannte man die Grundlage, in der theoretisches Wissen entwickelt
und sein Bezug zur Wirklichkeit geklärt werden.

In vielen Spezialuntersuchungen werden gegenwärtige und
frühere wissenschaftliche Theorien in der Strukturtheorie rekonstruiert,
um Tragfähigkeit und Universalität des Ansatzes (auch bei der
Erklärung von Wissensrevisionen und wissenschaftlichem Fortschritt)
zu zeigen.


(b) Mit der empirischen Umsetzbarkeit,
d.h. in der Ebene der ↑Handlung,
will die konstruktive Wth. (↑Konstruktivismus) Wissen begründen.

So versuchte man insbesondere
der Grundlagenkrise der axiomatischen Mathematik zu begegnen,
die durch die Entdeckung einiger formaler Unmöglichkeitsbeweise
(Gödel, Church, Turing) ausgelöst wurde.

Die Ursprünge des konstruktiven Begründungsprogramms finden sich
im Operationalismus von Bridgman und
der Methodischen Philosophie von Dingler.

Der Operationalismus sah die Bedeutung von sinnvollen Begriffen
ausschließlich in Handlungsanweisungen, insbesondere Meßmethoden,
und läßt sich als Weiterführung des Verifikationsprinzips
(↑Verifikation) des Wiener Kreises verstehen.

Dingler stellte die Begründungsnorm auf, daß die
elementaren menschlichen Handlungsfähigkeiten die Grundlage für
einen methodisch gesicherten Aufbau der Wissenschaft bilden müsse.

In der Logischen Propädeutik (1967) entwickeln
Wilhelm Kamlah und Lorenzen die Regeln der Logik
aus der alltäglichen Kommunikations- und Handlungsfähigkeit des Menschen
(etwa zum ‹deiktischen Gegenstandsbezug› oder zur ‹dialogischen Definition›).

Hiermit konstituierte sich die Erlanger Schule der konstruktiven Wth.,
die in vielen weiteren Untersuchungen versuchte, nicht nur Logik und Mathematik,
sondern auch einige Theorien der Physik, Chemie und anderer Disziplinen
durch die methodische Konstruktion aus der Handlungsebene heraus zu begründen.

Eine Gesamtdarstellung gibt Lorenzen (1987).

Die Erlanger Schule hat sich in einige neue Spielarten
(↑Protophysik, Kulturalismus) weiterentwickelt;
abgeschwächte Formen des Konstruktivismus werden
in verschiedenen Ansätzen weiterverfolgt (z.B. Kuno Lorenz, Thiel).


(c) Ein zentraler Teil der internationalen Forschung in der Wth.
hat in der Physik ihren Ausgangspunkt.

Neben v.a. methodologischen Ansätzen sucht man in der Weiterentwicklung
und geeigneten Interpretation der physikalischen Theorien
die Grundlage für ein einheitliches Weltverständnis.

Ein Thema sind hier die Möglichkeiten und Grenzen des ↑Physikalismus,
d.h. der Vorstellung, daß die Physik als Wissenschaft
von den elementaren Teilen und der Ganzheit des Universums
letztendlich alle übrigen Wissensgebiete in sich aufnehmen wird.

Abgeschwächt spricht man vom ↑Naturalismus, der verlangt,
daß alle Wissensansprüche naturwissenschaftlich begründet werden müssen, was
angesichts der Vielfalt und Unvollständigkeit naturwissenschaftlicher Theorien
hauptsächlich die methodische Fundierung in der Empirie und die bloße
Verträglichkeit mit anerkannten naturwissenschaftlichen Theorien impliziert.

(Der Naturalismus umfaßt auch einige
 der in den anderen Punkten genannten Positionen der Wth.)

Sieht man in der Physik eine wesentliche Grundlage von Wissen,
stellen sich zwei zentrale Aufgaben:

Zum einen müssen die Ableitungsbeziehungen des Wissens anderer
Disziplinen (Chemie, Biologie, Psychologie, Soziologie) zur Physik
und der Vielfalt der physikalischen Theorien (Kosmologie,
Elementarteilchenphysik, Festkörperphysik, Thermodynamik)
untereinander geklärt werden, d.h. Fragen der ↑Reduktion;

zum anderen geht es um die inhaltliche Ausgestaltung eines
im Wissen der Physik begründeten Weltbilds,
d.h. die philosophische Reflexion der Grundlagen der Physik und
ihrer angestrebten Vereinigung in einer universellen Theorie.

Diese Richtung der von der Physik geprägten Wth.,
die in einer großen Vielfalt von Ansätzen und Schwerpunkten arbeitet,
steht im engen Zusammenhang mit der aktuellen Forschung
in der theoretischen Physik;
im deutschsprachigen Raum sind hierzu u.a. Ludwig, Scheibe, Mittelstaedt,
Kanitscheider, Mühlhölzer, Stöckler, Carrier, Bartels zu nennen.

Einige Popularität erreichen regelmäßig die Versuche von
naturmetaphysischen Begründungen der Quantenmechanik und Relativitätstheorie,
z.B. von Weizsäckers Entwürfe eines Gesamtverständnisses der Physik,
das auf dem Begriff der ↑Information aufbaut und sich ausdrücklich
in die Tradition der Naturphilosophie von den Vorsokratikern bis Kant stellt,
sowie Drieschners Versuche, diesen Ansatz in einem Axiomensystem zu formulieren.

Die Suche nach einer gemeinsamen Theorie für die Bereiche, die
gegenwärtig vom ‹Standardmodell› der quantenfeldtheoretischen Beschreibung
der Elementarteilchen und von der allgemeinen Relativitätstheorie
als Beschreibung des Kosmos getrennt behandelt werden,
ist eine Hauptaufgabe der theoretischen Physik,
die in kurzen Abständen neue Vorschläge präsentiert.

Von einem aussichtsreichen Kandidaten einer solchen fundamentalen
physikalischen Theorie (‹Theory of everything/TOE›) wird nicht nur
die Übereinstimmung mit den empirischen Daten verlangt,
sondern auch mit einer Reihe von formalen Randbedingungen,
die aus philosophischen Reflexionen erwachsen sind
(die zur Vermutung führen, daß ein Mißachten dieser
Randbedingungen zwangsläufig zum Scheitern in der Empirie führen würde),
so z.B. die Forderungen nach Lorentz-Kovarianz, Eichinvarianz und
Renormierbarkeit der mathematischen Beschreibung.

In der Wth. überwiegt die Überzeugung, daß zunächst noch viel
Klärungsbedarf an solchen, aus epistemischen und ontologischen Überlegungen
begründeten Randbedingungen und Begriffen der Physik besteht
– etwa zu Themen wie Symmetrie, Kohärenz, Kontingenz, Lokalität, Kausalität –,
bevor sich weitreichende naturphilosophische Schlüsse ziehen ließen,
die sich auch als neue Empfehlung an die theoretische Physik bei
der Suche nach neuen vereinheitlichten Theorien richten könnten.


(d) Vielfältige neue Ansätze der Wth. sehen in der Evolutionstheorie,
oder allgemeiner in den Beschreibungssystemen des Organischen,
die Grundlage für ein einheitliches Verständnis von Wissenschaft.

Die ursprüngliche Evolutionstheorie von Darwin (1859) erklärt
die Entstehung und Ausprägung biologischer Arten aus
dem Zusammenspiel von spontaner, ungerichteter Mutation
und anschließender Selektion.

Ein traditionelles Forschungsfeld betrachtet diese Theorie
im Rahmen des Physikalismus (s.o.) und versucht die Evolutionstheorie in
eine physikalisch begründete Entwicklungsgeschichte (↑Entwicklung) einzubetten,
die unsere Welt mit einem Urknall beginnen läßt und
über die Zwischenstufen der Materiebildung, Sternformung,
chemischen, biologischen und sozialen ↑Evolution
ihre heutige Ausgestaltung naturgesetzlich ableitet.

Die Ansätze der evolutionären Wth. hingegen sehen in
der Biologie, speziell der Evolutionstheorie, selbst
die Grundlage für eine dem Physikalismus überlegene Erklärung;
gewissermaßen kehren sie die Begründungsrichtung um:
Einer in genetischen Gesetzen entwickelten Entstehungsgeschichte
wird der Vorzug vor einer ontologischen Mikrofundierung durch die Physik gegeben;
auch die Gesetze der Physik werden als Resultate
eines Entwicklungsprozesses verstanden.

Man kann hierin eine Neubesinnung auf Aristoteles sehen.

Es gibt viele unterschiedliche Richtungen;
häufig begegnet man der Auffassung,
daß die Physik eine Grenze ihrer Fähigkeit,
die Welt zu erklären, erreicht habe und jetzt von der
Biologie als Leitwissenschaft der Wth. abgelöst werden müsse.

In Mach und Whitehead lassen sich Vorläufer für
zwei unterschiedliche Ansätze finden:

Mach begründet unser Wissen epistemisch mit dem
Anpassungsprozeß der „Gedanken an die Tatsachen und aneinander“
(z.B. in Erkenntnis und Irrtum, 1905);
die Naturgesetze versteht er als ökonomische Organisation unserer
im Laufe einer Evolution gebildeten Erwartungshaltungen an die Umwelt.

In der weiteren Ausgestaltung hat dieser Ansatz u.a.
zur evolutionären (Konrad Lorenz, Vollmer) und
    genetischen (Piaget) ↑Erkenntnistheorie geführt.

In Process and Reality (1929) entwickelt Whitehead eine neue ↑Ontologie,
die als metaphysischer Gegenentwurf
zur traditionellen Gegenstandsontologie gedacht ist.

Nicht die Gegenstände der Physik sind die letzten Entitäten, aus denen
die Welt aufgebaut ist und mit deren Gesetzen sie erklärt werden muß,
sondern Wahrnehmungs-, Abgrenzungsund Entwicklungsprozesse.

Zentrale Begriffe hierbei sind z.B. ‹Kreativität›,
‹Organismus›, ‹Organisation›;
die traditionellen Ansätze der Ontologie und Erkenntnistheorie
sollen hierin eingebettet werden.

Durch die naturwissenschaftliche Theoriebildung zu Phänomenen wie der
↑Selbstorganisation bei Lebensphänomenen haben die Versuche,
die Begründung der Wissenschaften in einer biologisch geprägten
Wissenschaftssprache und Ontologie durchzuführen, neuen Aufschwung genommen.

So kam es z.B. zu Überlegungen in Richtung einer Rehabilitation
teleologischer Erklärungen (↑Teleologie),
die wegen der Erfolge der mechanistischen Naturbeschreibung
in der neuzeitlichen Naturwissenschaft meist für ausgestorben gehalten wurden,
oder auch zu Versuchen, mit einem ‹Anthropischen Prinzip›
die physikalische Kosmologie zu begründen,
d.h. die kontingenten Elemente der gegenwärtigen physikalischen Theorien
(z.B. Naturkonstanten) damit zu erklären,
daß nur mit den empirisch vorgefundenen Werten die Naturgesetze einen Kosmos
entwickeln lassen, in dem es Menschen geben kann, die wiederum diesen Kosmos
erkennen können.

Die Frage nach der wechselseitigen Beziehungen eines in der Biologie
begründeten Weltverständnisses zum Reduktionismus des Physikalismus
stellt sich auch bei der Interpretation einer Vielzahl neuer Theorien,
die z.T. von der traditionellen, von Galilei geprägten Wissenschaftsmethode
und Theorienstruktur abweichen, so z.B.
  die Kybernetik (Wiener),
  Synergetik (Haken),
  ↑Systemtheorie (von Bertalanffy)
oder auch die Versuche, Intentionalität
  von Sprache und Denken (Ruth Millikan) und ↑Normen (Wilson)
durch Evolutionsprozesse zu begründen.


(e) Der ↑kritische Rationalismus, schließlich,
stellt Normen zur rationalen Begründung wissenschaftlicher Theorien auf.

Es geht hierbei nicht um die Suche nach einer einheitlichen
Grundlage für die Wissensinhalte der verschiedenen Gebiete,
sondern um die einheitlichen Maßstäbe,
die das menschliche Erkenntnisprojekt der Wissenschaften
zu einem rationalen machen.

Ein wichtiges Motiv hierfür ist die Abgrenzung (demarcation)
von Wissenschaft gegen Pseudowissenschaft (wozu insbesondere
Astrologie, Psychoanalyse und Marxismus gerechnet werden).

Der kritische Rationalismus wurde von Popper begründet,
der sich kritisch dem Wiener Kreis verbunden sah, und
in verschiedene Richtungen z.B. von Lakatos und Albert weiterentwickelt.

Ausgangspunkt ist die Kritik an der Voraussetzung
der induktiven Begründung von Wissenschaft im Wiener Kreis.

Als Antwort auf das logische Problem des ‹Münchhausen-Trilemma›,
daß jede Begründung entweder
    zu einem infiniten Regreß oder
    zu einem Zirkelschluß oder
    zu einem willkürlichen Abbruch
bei einer unbegründeten Behauptung führt
(und damit nur eine dogmatische Begründung von Erkenntnis möglich scheint),
stellte man ein ‹Offenbarungsmodell in der Erkenntnislehre› auf:

Theorien lassen sich nicht induktiv, sondern nur
in einem nicht hinterfragbaren Akt der Phantasie aufstellen;
über ihren Wert entscheidet allein ihr empirischer Gehalt,
d.h. die Fähigkeit, im Nachhinein durch neue Erfahrungen falsifiziert werden
zu können (↑Falsifikationismus).

Vorausgesetzt wird hier (wie zuvor bei Carnap) eine klare Trennung zwischen
der Theorie- und Beobachtungssprache;
letztere erlaube die von Interpretationsfragen unberührte Darstellung der
objektiven empirischen Tatsachen.

Durch die Offenheit der Theorien gegen ihre empirische Widerlegung würde eine
Entwicklung zu einer zunehmenden Wahrheitsähnlichkeit (verisimilitude) der
Theorien stattfinden. Der kritische Rationalismus verteidigt also den Fortschritt
der Wissenschaften hin zu einem zunehmend besseren Verständnis der ↑Realität.
  
 
 

2.3  Neuere Entwicklungen

 
Poppers Thesen haben einerseits zu einer großen Popularität der Wth.
auch außerhalb der akademischen Philosophie beigetragen, andererseits gaben
sie  Angriffspunkte für zwei wesentliche Neuentwicklungen der Wth.,
die zu einer weitgehenden Abkehr vom bis dahin vorherrschenden ↑logischen
Empirismus in der Wth. der frühen Nachkriegszeit geführt haben:

(a) Mit Quines Two Dogmas of Empiricism (1951) wurde die scharfe Trennung
zwischen empirischen Tatsachen und den damit begründeten Theoriesätzen in
Frage gestellt.

Die Wirklichkeit ist uns nicht einfach so gegeben, daß wir sie mit
Beobachtungssätzen objektiv abbilden können,  sondern muß
mit unserem vorhandenen Hintergrundwissen interpretierend erschlossen werden.

Prinzipiell (d.h. ohne logischen Widerspruch) ließe sich jede theoretische
Behauptung mit jeder Beobachtung in Einklang bringen
– man müßte dafür nur ad hoc geeignete Hilfsannahmen heranziehen,
  d.h. Korrekturen an einer beliebigen Stelle im unseparierbaren Gesamtgefüge
  aus Theorien, Beobachtungen, Meßmethoden, Hilfsannahmen etc. vornehmen.

Ähnliche Gedanken finden sich in vielen Klassikern der Wth.;
in der scharfen Formulierung als Duhem-Quine These hatte dieser Einwand
großen Einfluß auf die Entwicklung der Wth. der Nachkriegszeit.

Poppers Falsifikationismus ist damit nicht haltbar.

Auch die Trennung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen,
die Vorstellungen, einem Begriff
durch Definition eine eindeutige Bedeutung zuweisen
und Wissen streng hierarchisch deduktiv organisieren zu können,
ist mit der Duhem-Quine These nicht verträglich.

Es setzte ein Umdenken in Richtung eines ↑Holismus ein.

Wissenschaftliche Theorien bewähren sich nicht an einzelnen
Beobachtungen, sondern durch ihre Gesamtleistung;

‹Kohärenz› wird ein wichtigerer Begriff bei der Bewertung von
Naturwissenschaft als ‹Konsistenz›.

In der Diskussion dieser Punkte hat insbesondere der ‹linguistic turn›
in der ↑Sprachphilosophie Einfluß auf die Wth. genommen.

(b) Ein weiterer, verwandter Angriff, der unter dem Namen einer ‹historischen
Wende in der Wth.› bekannt geworden ist,
erfolgte durch und in der Folge von Kuhns
Structure of Scientific Revolutions (1962).

Hiermit sind mehrere Probleme und Behauptungen verbunden:

Kuhn stellte fest, daß die tatsächliche ↑Wissenschaftsgeschichte
im Gegensatz zu ihrer rationalen Rekonstruktion äußerst robust
auf empirische Widerlegungen einer Theorie reagiert.

In ihrer normalen Entwicklung arbeitet die Wissenschaft
innerhalb eines ↑Paradigmas,
das offene Fragestellungen der Wissenschaft in einem klaren Rahmen definiert,
Problemlösungsstrategien bereitstellt,
aber auch prinzipielle Probleme und
empirische Anomalien einer Theorie aus dem Gesichtsfeld der Forscher drängt.

Es sind dann keine logischen Widerlegungen oder empirischen Falsifikationen,
die schließlich zur Aufgabe eines Paradigmas führen,
sondern ↑wissenschaftliche Revolutionen.

Kuhns Bezeichnung ‹Paradigma› für die Hintergrundannahmen der Wissenschaftler
wurde so verstanden, daß er Versuche,
die Theoriebildung in einer logischen Struktur und
mit methodischer Strenge zu fassen, für gescheitert hält:

Nicht-rationale Faktoren hätten wesentlichen Einfluß
auf die herrschende Überzeugung der Wissenschaftler.

Verschärft wird diese historische Diagnose von Wissenschaft
durch Kuhns These der ↑Inkommensurabilität
zwischen den Begriffen der Theorien von verschiedenen Paradigmen.

Diese These besagt, daß sich die Bedeutung von Begriffen bei einer
wissenschaftlichen Revolution in einer solchen Radikalität ändert,
daß keine objektive Übersetzung des alten Begriffs
im neuen Paradigma möglich wäre.

Damit würden sich
 weder die Theorien von früher und heute
  mit logischen Mitteln vergleichen lassen,
 noch könnten frühere Beobachtungsdaten in neue Theorie eingebunden werden,
weil sie in einer für die neue Theorie
unverständlichen Sprache niedergeschrieben sind.

Als Beispiel nannte Kuhn die Beobachtungen und Theorien der Alchemisten
über das ‹Phlogiston›,
einen damals für real und beobachtbar gehaltenen Wärmestoff,
der in der modernen Chemie keine Entsprechung habe.

Als Konsequenz einer Inkommensurabilität ihrer Begriffe ergibt sich,
daß die sich in der Wissenschaftsgeschichte ablösenden Theorien
zu unvergleichbaren und unverbundenen Weltanschauungen werden.

In der üblichen Bedeutung könnte man dann nicht mehr
von Fortschritt der Wissenschaft sprechen,
sondern müßte das einen irrationalen Modenwechsel nennen.

Poppers Idee, daß kontinuierlich akkumuliertes Beobachtungswissen zu Theorien
mit zunehmender Wahrheitsähnlichkeit führt, wäre gescheitert.

(Kuhn selbst hatte jedoch den Irrationalismus der Wissenschaft
 als Konsequenz seiner wissenschaftshistorischen Ergebnisse abgelehnt.)

Diese Thesen haben den vorherrschenden Glauben an die ↑Rationalität und
den Fortschritt der Wissenschaften herausgefordert.

Einen Eindruck der heftigen Diskussionen dieser Zeit gibt der Sammelband von
Lakatos und Musgrave (1970).

Die weitere Entwicklung ist von einem breiten Spektrum
von Reaktionen und Positionen bestimmt:

Eine überwiegende Anzahl moderater Ansätze versucht,
die Kernbedeutung von Rationalität und Fortschritt
in neuen, verbesserten Formen zu bewahren;

hingegen sehen einige radikale Antworten die Wth. als eine Beschäftigung
mit den immanenten Standards und Inhalten der Wissenschaft
für gescheitert an und konzentrieren sich statt dessen auf die Außenperspektive,
betreiben also im wesentlichen Wissenschaftssoziologie.

Die moderaten Ansätze beschreiben die wissenschaftliche Entwicklung als
Evolution ohne fundamentale Revolutionen,

z.B. Lakatos mit dem Begriff der ‹Wissenschaftlichen Forschungsprogramme›,
Toulmin mit einer rationalen Dynamik der wissenschaftlichen Hintergrundannahmen
(Ideale der Naturordnung),
Laudan mit einem Wettbewerb von Problemlösungsstrategien,
Holton aus der Perspektive ‹thematischer Prinzipien›.

Mit Against Method (1975) hat Feyerabend die Versuche der Wth.,
methodologische Normen und rationale Maßstäbe an die Wissenschaft anzulegen,
prinzipiell kritisiert und ist für eine völlige Freiheit der Wissenschaft
eingetreten; eine Abgrenzung zur sogenannten Pseudowissenschaft
sei unmöglich und sogar schädlich.

Bemerkenswert ist hier auch der Versuch von Latour und Woolgar,
mit den Methoden der Ethnologie
die Arbeit der Elementarteilchenphysiker zu beschreiben und
ihre Überzeugungen zu erklären
(Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts,  1979).

In How the Laws of Physics Lie (1983) wendet sich Cartwright gegen den
in der Wth. verbreiteten Universalismus,
d.h. gegen das Ideal eines hierarchischen Aufbaus von Theorien zunehmender
Allgemeinheit.

Die großen vereinheitlichenden, universalen Theorien der Wissenschaft hätten
keinen Bezug mehr zur Realität;
die Beschreibung der Realität müsse auf der Ebene
von phänomenologischen Gesetzen und Modellen, einzelnen Dispositionen und
kausalen Mechanismen stattfinden,
die keinen höheren Organisationsgrad erlauben,
als bei einem Flickenteppich (patchwork).

Zu den vieldiskutierten Werken jüngerer Zeit zählt auch
van Fraassens The Scientific Image (1980),
das den realistischen Positionen in der Wth.
einen ‹konstruktiven Empirismus› entgegenstellt.

Mit Hackings Representing and Intervening (1983) und Shapin
und Schaffers Leviathan and the Air-Pump (1985) entstand
ein neues Interesse in der Wth. an der Untersuchung der Rolle von
Meßinstrumenten und experimentellen Verfahrensarten für die Entstehung der
vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien.

Diese Darstellung darf nicht darüber hinwegtäuschen,
daß der Einfluß von Schulen und Moden in der Wth. eher gering ist.

Die überwiegende Zahl der Beiträge sowohl zur allgemeinen als auch speziellen
Wth. behandelt konkrete, spezielle Fragestellungen,
bei deren Lösung die großen Entwicklungslinien und Grundpositionen der
Wth. nur wenig Einfluß haben.

Die aktuelle Forschungsdiskussion in der Wth. wird
in Zeitschriften kommuniziert, insbesondere:

   Philosophy of Science,
   Studies in History and Philosophy of Science,
   Philosophia naturalis, Foundations of Science,
   International Studies in the Philosophy of Science,
   Synthese,
   The British Journal for the Philosophy of Science,
   Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie,
   Erkenntnis.

Wichtige Kongresse der Wth. sind die
zweijährlichen Meetings of the Philosophy of Science Association und
der vierjährliche
International Congress of Logic, Methodology and Philosophy of Science.

Es gibt zahlreiche Sammelbände, die klassische Aufsätze und wichtige
Debatten der Wth. thematisch geordnet versammeln, z.B.
Curd/Cover (1998),
Sarkar (6 Bde., 1996),
Boyd/Gaspar/Trout (1991),
Brody/Grandy (21989),
Kurany (1987);
  aber auch
Krüger (1970) ist noch nützlich.

Von den Lexika sind insbesondere zu erwähnen:

    Specks Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe
    (3 Bde., 1980)
und
    Mittelstraß’ Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie
    (4 Bde., 1980ff.)

Einen kurzen, trotzdem präzisen Überblick der
historischen Entwicklung der wissenschaftstheoretischen Probleme und
Positionen von Aristoteles bis heute gibt Losee (31993).
  
 
 

3.1   Allgemeine Wissenschaftstheorie

 
Die allgemeine Wth. versteht sich als eine Metawissenschaft der
Wissenschaft. Sie behandelt Fragen, die sich auf das Projekt der
Wissenschaften als Ganzes beziehen;
die Untersuchung einzelner Disziplinen und Theorien
dient hierzu nur als Anschauungs- und Belegmaterial.

Zur verständlichen Einführung in die wichtigsten Themen der allgemeinen
Wth. eignen sich insbesondere
  Lambert/Brittan (31987), Laudan (1989), und Harré (2 1985);
die aktuellen Diskussionen der Wth. werden von
  Klee (1997), Vollmer (1993), Kosso (1992)
  und (immer noch)  Newton-Smith (1981)
anschaulich dargestellt.

Mittlerweile klassische Einführungstexte sind Nagel (1961),
Carnap (1966), Hempel (1966), und Toulmin (1953 und 1961).

Hier sollen einige Hauptthemen der allgemeinen Wth.
im Zusammenhang genannt werden:

(a)Struktur wissenschaftlicher Erklärungen (↑Erklärung,↑Erklären/Verstehen):

Das Ziel wissenschaftlicher Arbeit ist die Entwicklung von Theorien und
Modellen, die neben der Fähigkeit zum Klassifizieren und Vorhersagen von
Phänomenen auch zu ihrer Erklärung geeignet sind.

Was macht eine gute Erklärung aus?

Zu einem zentralen Thema der Wth. wurde diese Frage durch das Postulat einer
allgemeingültigen Struktur wissenschaftlicher Erklärungen, die Erklärungen von
Fragen der individualpsychologischen Bedingungen des Verstehens entkoppelte;
nun ließen sich Erklärungen mit formaler Strenge untersuchen.

Mit dem deduktiv-nomologischen (‹D-N›) Erklärungsmodell (Hempel,
Oppenheim) wird eine strukturelle Identität zwischen Erklärungen und
Vorhersagen (Deduktion des Explanandums aus gegebenen Randbedingungen und
Naturgesetzen) behauptet.

Dieses Modell wurde anhand von Adäquatheitskriterien sowohl weiterentwickelt,
als auch durch Gegenentwürfe kritisiert.

So verlangt man von einer adäquaten Explikation einer Erklärungsstruktur,
daß sie sich auf eine große Menge von Beispielen, die nach dem Alltagsbegriff
angemessene Erklärungen darstellen, anwenden läßt;
insbesondere soll eine Erklärung relevant und asymmetrisch sein.

Wichtige Diskussionen gibt es um die Frage, inwiefern z.B. die
Geschichtswissenschaft oder die Evolutionstheorie – auch ohne
Vorhersagefähigkeit zu haben – wissenschaftliche Erklärungen liefern.

Das D-N Modell wurde später auf probabilistische Erklärungen
erweitert (Railton); von den Gegenentwürfen sehen einige den Kern einer
wissenschaftlichen Erklärung in ihrer Leistung, das Explanandum in das
Hintergrundwissen kohärent (↑Kohärenz) einzubetten (Braithwaite, Kitcher),
andere in der Angabe von Kausalursachen (Salmon, Lipton).

Van Fraassen stellte ein pragmatisches Erklärungsmodell auf, das Erklärungen
als angemessene Antworten auf die Warum-Fragen des Erklärungssuchenden
kontextualisiert. Einen Überblick zum Problem der Erklärung in der Wth. gibt
der Sammelband von Schurz (1988).


(b) Bestätigung wissenschaftlicher Hypothesen; Methodenfragen:

Wie finden wir wissenschaftliche ↑Hypothesen, warum sollen wir einer Hypothese
glauben und wodurch unterscheidet sich eine glaubwürdigere Hypothese von einer
weniger glaubwürdigen?

Zur heuristischen Frage, wie man neue Theorien entdeckt, gibt es einen
traditionellen Konflikt zwischen hypothetisch-deduktiven und induktivistischen
Ansätzen.

Erstere leugnen einen methodisch strengen Weg von den Beobachtungen zu den
Theorien (↑Theorie und Erfahrung);
nur in umgekehrter Richtung läßt sich über die Glaubwürdigkeit
jeder willkürlich gefundenen Hypothese urteilen.

Begründet wird diese Auffassung durch die prinzipielle Unterbestimmtheit
(underdetermination) jeder Theorie durch die Erfahrung:
auf der Basis der uns Menschen nur in endlicher Menge zugänglichen
Beobachtungen lassen sich beliebig viele verschiedene, gültige Theorien konstruieren.

Der Induktivismus (↑Induktion) hingegen behauptet, daß wissenschaftliche
Hypothesen durch induktive Verallgemeinerung von empirischen Befunden gewonnen
werden und an Glaubwürdigkeit gewinnen, je mehr Einzeltatsachen sich
erfolgreich unter die Hypothese subsumieren lassen.

Hierfür sucht man formale Regeln des Schließens von den empirischen Daten zu
vernünftigen Hypothesen; neben den (insbesondere von Mill vorgeführten)
Induktionsregeln, gibt es viele Versuche zu Regeln der ↑Abstraktion,
↑Abduktion und neuerdings insbesondere zu Regeln für den ‹Schluß auf die beste
Erklärung› (inference to the best explanation).

Viel diskutiert wird die Frage, ob und wie sich für die Glaubwürdigkeit einer
Theorie ein Grad finden läßt;
man sucht eine Formel und ein Meßverfahren, die es ermöglichen, auf der
Grundlage der bekannten Fakten auszurechnen, wie stark der Glaube an eine
Hypothese im Vergleich zu alternativen Hypothesen begründet ist.

Ausgangspunkt hierzu ist üblicherweise die Formel über die ‹bedingte
Wahrscheinlichkeit› von Bayes (1763).

Eine Weiterentwicklung ist Glymours Verfahren des ‹bootstrapping› (benannt in
ironischer Anlehnung an die Anekdote von Münchhausen, nach der er sich an den
eigenen Stiefelstrippen aus dem Sumpf gezogen hat), mit dem sich Theorien
wechselseitig sollen bestätigen können (Theory and Evidence, 1980).

Neben diesen formalen Ansätzen liegt ein wichtiges Thema in der historischen
Untersuchung der Wissenschaftsmethode.

Durch eine möglichst genaue Darstellung der Methoden, die zu wichtigen
Entdeckungen geführt haben, versucht man das ‹Erfolgsgeheimnis› der modernen
Naturwissenschaft offenzulegen.


Wie funktioniert Galileis ‹Experimentalmethode› genau?

Welche Rolle spielen die Meßinstrumente und experimentellen Apparate?

Warum und wie machen Wissenschaftler ↑Gedankenexperimente?

Zur Einführung in das Thema ‹Wissenschaftsmethode› eignet sich Gower (1997).


(c) Struktur und Realitätsbezug wissenschaftlicher Theorien;
    Bedeutung wissenschaftlicher Begriffe:

Wieweit ist unser ↑Wissen sprachabhängig und wieweit erfassen wir damit die Welt?

Wie ließe sich der ‹reale› Gehalt unserer besten wissenschaftlichen Theorien
von ihrer konventionellen Mitteilungsform abtrennen?

Gibt es Elektronen wirklich, oder sind sie nur ein theoretisches Konstrukt zur
Vorhersage von Meßergebnissen?


Eine vieldiskutierte Neuerung der Wth.  spricht von einem Übergang von
‹syntaktischen› Theorievorstellungen bei den Philosophen des Wiener Kreises
zur heutigen ‹semantischen› Theoriekonzeption.

Damit ist gemeint, daß man früher eine Theorie als Aussagenmenge
interpretierte, die ein formales System in einer idealen Wissenschaftssprache
bildet, dessen theoretisches Vokabular durch ‹Brückengesetze› mit den
Beobachtungsdaten verbunden ist.

Heute versucht man Theorien nicht mehr als sprachliches Objekt,
sondern ‹semantisch› über den Anwendungsbereich,
d.h. über die von ihr beschriebenen Objekte als Menge ihrer ↑Modelle,
zu charakterisieren.

So soll das logische Problem der theoriegeladenen Beobachtungssprache umgangen
werden; von einem theoretischen Modell wird nur eine strukturelle Ähnlichkeit
mit der Wirklichkeit verlangt, die u.a. über Analogien, Idealisierungen, aber
auch über das Handlungswissen von experimentellen Verfahrensarten beschrieben wird.


Ein zentrales, aber auch weit in die Philosophie außerhalb der
Wth. hineinführendes Thema ist der Konflikt zwischen Richtungen des ↑Realismus
und Antirealismus, die in vielen Formulierungen vorliegen. Mit Antirealismus
ist nicht gemeint, daß man die Existenz der Außenwelt leugnet, sondern
lediglich, daß diese von unserem Beschreibungs- und Interpretationsapparat
unabhängig sei. Wichtige (überlappende) Grundpositionen finden sich im
↑Realismus, ↑Empirismus, ↑Konventionalismus, ↑Instrumentalismus,
↑Fiktionalismus.


Ein neuerer Vorschlag in der Realismusdebatte ist Fines Natural Ontological
Attitude (‹NOA›): Innerhalb der konkreten wissenschaftlichen Forschung sei die
realistische Interpretation theoretischer Entitäten eine notwendige
Arbeitsvoraussetzung;
für die globalen Fragen zum Realismus würden sich aus der Wissenschaft jedoch
weit weniger Konsequenzen ergeben, als von Befürwortern und Gegnern des
Realismus gleichermaßen behauptet wurde. Einen Querschnitt prominenter
Diskussionsbeiträge versammelt Lepin (1984).


(d) Verhältnis wissenschaftlicher Theorien zueinander:

In welchem Verhältnis stehen verschiedene gleichzeitig akzeptierte Theorien,
z.B. die Theorien der gegenwärtigen Biologie, Chemie und Physik, oder die
Theorie der klassischen Thermodynamik zur klassischen Mechanik?

Das zentrale Interesse gilt hier der Frage nach der Reichweite und Struktur
von Reduktionsbeziehungen:

Läßt sich das naturwissenschaftliche Wissen hierarchisch organisieren?

Gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Weltsicht,
die alle Teilbereiche umfaßt?

Oder hat z.B. die Biologie genuine, ‹emergente› Wissensinhalte (↑Emergenz),
die nicht schon in der organischen Chemie angelegt sind,
und wie müßte man diese formulieren?

Der traditionelle Konflikt zwischen dem Reduktionismus und dem
Antireduktionismus wird in vielen Spielarten zum
↑Naturalismus, ↑Physikalismus, Szientismus, ↑Materialismus,
Vitalismus, Emergentismus, Epiphänomenalismus diskutiert.

Einige Autoren versuchen die Beziehung zwischen zwei Theorien nicht mit
Reduktion, sondern mit verschiedenen Entwürfen abgeschwächter Konzepte wie
↑Kohärenz oder Supervenienz zu beschreiben.

Häufig werden diese Diskussionen auch über den Rahmen der gegenwärtig
vorliegenden Theorien erweitert zur Frage nach der Reichweite und den
Möglichkeiten wissenschaftlicher Theorien überhaupt.

Besonderes Interesse findet hier die von manchen Beiträgen behauptete
fundamentale Grenze der Wissenschaft bei der Betrachtung der menschlichen
Subjekte (↑Bewußtsein, ↑Leib/Seele, ↑Philosophie des Geistes).

Ein weiteres Thema ist die diachrone Ablösung von Theorien in der
Wissenschaftsgeschichte:

In welchem Verhältnis stehen Keplers Gesetze der Planetenbewegung zur
Newtonischen Gravitationstheorie und diese wiederum zur Einsteinschen
Relativitätstheorie?

In welchem Sinn ist diese Entwicklungslinie von immer neueren Theorien ein
Fortschritt?

Lassen sich die früheren Theorien  als Spezialfälle der heutigen,
umfassenderen Theorien verstehen?

Konvergiert Theorienentwicklung zu einem einheitlichen Gesamtverständnis?

Auch diesen Fragen spricht man von ‹Reduktion›
der Vorläufer- auf die Nachfolgertheorie.
Wenn diese (entgegen der Behauptung der ↑Inkommensurabilität)
gelingt, klärt dies die Bedeutung des wissenschaftlichen Fortschritts.

Ein wichtiger, allerdings voraussetzungsreicher Beitrag zur
gegenwärtigen Reduktionsdebatte ist Scheibe (1997 und 1999).


(e) Außenperspektive; Rolle, Abgrenzung und Wert von Wissenschaft:

Was macht Wissenschaft aus? Warum sollten wir Wissenschaft betreiben?

In welchem Verhältnis steht die Wissenschaft zu den übrigen Interessen
und Tätigkeiten des Menschen?

Wie weit spielen soziale Faktoren und Herrschaftsverhältnisse eine Rolle
bei den jeweils akzeptierten Theorien?

Darf alles erforscht werden und mit allen Mitteln?

Gibt es eine ↑Verantwortung des Wissenschaftlersseine Entdeckungen?

Aber auch die praktischen Fragen, etwa welches Forschungsprojekt
bei der Verteilung knapper Ressourcen bevorzugt werden soll,
gehören zu diesem Thema.

Der offensichtliche Eindruck, daß die modernen Naturwissenschaften (in
einer klärungsbedürftigen Weise) erfolgreich mythologische und religiöse
Interpretationsmuster zurückgedrängt und sich in immer weitere Bereiche der
Lebenswelt ausgebreitet haben, verlangt nach einer Neubestimmung der Aufgaben
von nicht-naturwissenschaftlichen Weltbeschreibungen.

Ein vieldiskutierter Beitrag zum Verhältnis von Naturund Geisteswissenschaft
war Snows These über die zunehmende Entfremdung dieser beiden Kulturen (1959).
  
 
 

3.2   Spezielle Wissenschaftstheorien

 
Mit dem Entstehen der Naturwissenschaft in der Neuzeit (Kopernikus, Kepler,
Stevin, Galilei, Newton) hat die Philosophie nicht nur einen Teil ihres
traditionellen Arbeitsbereichs verloren, sondern auch ein völlig neues
Forschungsgebiet hinzu gewonnen.

Die Konkurrenz der mathematisch formulierten Naturtheorien hat die Philosophie
(und auch die Theologie) aus einer ihrer traditionellen Aufgaben, die
Phänomene der Natur zu erklären, verdrängt.

Die Erklärung des Regenbogens, der regelmäßigen Wiederkehr von Ebbe und Flut
oder des unregelmäßigen Auftauchens von Kometen am Nachthimmel – all das waren
Themen vieler Untersuchungen von Philosophen seit den Vorsokratikern.

Den philosophischen Erklärungen stellten die Naturwissenschaftler Naturgesetze
entgegen, mit denen sich Phänomene auch quantitativ klassifizieren und
vorhersagen ließen, und deren Voraussetzungen man einer unabhängigen
experimentellen Überprüfung unterziehen konnte.

Nach der ersten umfassenden naturwissenschaftlichen Theorie, Newtons Mechanik
und allgemeiner Gravitationstheorie, versuchten nur noch wenige Autoren,

der Naturwissenschaft genuin philosophische Erklärungen von Naturphänomenen
entgegenzustellen.
  (Ein solcher Versuch findet sich aber z.B. in Goethes
   Theorie der Farben, die in bewußter ästhetischer Ablehnung der
   naturwissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisansprüche steht.)

In den ausformulierten Theorien der empirischen Wissenschaft findet man ein
neues, fruchtbares Forschungsgebiet und einen neuen Zugang zur Behandlung
philosophischer Fragen.

Hierbei steht nicht mehr zur Diskussion,
welche Probleme die Wissenschaft insgesamt aufwirft,
d.h. die Fragen der allgemeinen Wth., sondern
welche Schlüsse sich aus den konkreten, vorliegenden wissenschaftlichen
Theorien ziehen lassen und welche Probleme sich mit diesen ergeben.

Insbesondere zwei Herangehensweisen lassen sich unterscheiden:

(a) Zum einen versuchen die speziellen Wth. die jeweiligen Theorien kritisch
zu erklären, die Bedeutung von Begriffen aufzuzeigen, logische Strukturen und
Hintergrundannahmen offenzulegen, aber auch verborgene Probleme aufzudecken
und Anregungen für ihre Auflösung zu geben. Dies sind die vornehmlichen Themen
der Teildisziplinen der speziellen Wth.: der Philosophie der Physik,
Philosophie der Biologie, etc. Singulär in der Philosophie haben solche
Untersuchungen einen gelegentlich nachweisbaren Einfluß auf die Arbeit von
Nichtphilosophen: Die großen Fortschritte der Wissenschaft sind ohne die
genaue Klärung ihrer begrifflichen und theoretischen Grundlagen nicht
vorstellbar. Prominent ist z.B. Machs Einfluß auf die Entstehung der
Relativitätstheorie durch seine Kritik an Newtons Vorstellungen von Raum und
Zeit.

(b) In einem weiteren Sinne sucht man darüber hinaus aber auch nach einem
allgemeinen Verständnis, das mit den vorliegenden Theorien der
Naturwissenschaft verträglich ist oder sogar auf diese gegründet werden kann;
d.h.  nach Konsequenzen bei den traditionellen Themen der Philosophie. Hierbei
übernehmen die wissenschaftlichen Theorien die Funktion, die in früheren
philosophischen Reflexionen die Phänomene selbst eingenommen hatten.  Fragen
etwa wie die, ob die Welt sich aus kleinsten Teilen zusammensetzt oder ins
unendlich Kleine als Kontinuum geformt ist, versuchte z.B. Lukrez durch die
Betrachtung von Phänomenen wie dem Wind, der Geruchswahrnehmung etc. zu
beantworten. Heute muß man hierzu die Quantenfeldtheorie untersuchen. Aber
auch zu Themen der Philosophie, die man vorher allein durch spekulative
Methoden ohne Bezug auf die Empirie zu bearbeiten suchte, lassen sich jetzt
empirisch fundierte Antworten geben: Wesentliche, neue Erkenntnisse über die
Bedeutung von ↑Kosmos, ↑Willensfreiheit, ↑Materie, ↑Raum und Zeit, ↑Zufall,
↑Kausalität, ↑Moral, etc. gewinnt man aus der Analyse wissenschaftlicher
Theorien. Es ist nicht so, daß die bloße Untersuchung der besten
wissenschaftlichen Theorien definitive Antworten auf philosophische Fragen
gäbe, aber Antworten, die das wissenschaftliche Wissen ignorieren oder diesem
sogar widersprechen, genügen den Ansprüchen der Wth. nicht. Es ist heute nicht
mehr vorstellbar, daß jemand einen substantiellen Beitrag zur Kosmologie
liefert, ohne die allgemeine Relativitätstheorie zu berücksichtigen, oder zur
Willensfreiheit, ohne die aktuellen Ergebnisse der Neurowissenschaften zu
kennen.  Da die spezielle Wth. einer Wissenschaftsdisziplin die Kenntnis ihrer
Theorien voraussetzt, sind allgemeinverständliche Einführungen hierzu generell
problematisch. Einen anschaulichen Überblick etwa zur Wth. der modernen
Physik, der keine Vorkenntnisse voraussetzt, gibt Leggett |1789 (1987); zur
Einführung in die Wth. der Biologie eignet sich Hull/Ruse (1998).